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#3 Interview mit Jess von Freigereist

Interview Travel around the clock mit Freigereist

Interview mit Jess von Freigereist


Im dritten Teil unserer Interviewserie hatten wir Jess vom Reiseblog Freigereist zu Gast. Jess & Alex haben vor einigen Jahren zusammen das Fachabitur abgelegt und sich nun aufgrund der jeweiligen Reiseblogs "digital" wiedergetroffen. Die Wege haben sich also eher durch Zufall, aufgrund der gemeinisamen Leidenschaft, dem Reisen, nach Jahren erneut gekreuzt.

 

Im Interview mit Travel around the clock berichtet Jess von Ihrem Reiseblog, der seit 2017 online ist. Seitdem hat Sie auf ihrer zweijährigen Weltreise einiges erlebt und erzählt im Interview von besonderen Momenten, und wie das Reisen sie verändert hat.

 

Viel Spaß beim Lesen!

 

Hier gelangst du zu den beiden bisherigen Interview mit dem größten Reiseblog Deutschlands, mit Off The Path, und Christoph Schneller, der bereits mehr als 80 Länder besucht hat.


Wie aus einem Sabbatical eine 2-jährige Weltreise wurde

Logo Freigereist

Ohne Rückflugticket ins abenteuer nach Australien!

Travel around the clock:

Hi Jess, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, mit uns dieses Gespräch zu führen. Zu Beginn würden wir dich bitten ein bisschen was zu deiner Person zu erzählen, damit unsere Leser wissen, wer du bist.

 

Jess von Freigereist:

Ich bin gebürtig aus dem Saarland und 27 Jahre alt. Schon in meiner Jugend faszinierten mich Menschen, welche ihrem Herzen folgten und nur mit dem Rucksack auf dem Rücken in die Welt zogen. Im Jahr 2017 stieg ich schließlich selbst ohne Rückflugticket in ein Flugzeug, um im Rahmen eines Sabbaticals ein paar Monate in Australien zu verbringen. Daraus wurde dann eine zweijährige Weltreise. Momentan lebe ich in Stralsund am Meer und wenn ich nicht gerade unterwegs bin, findet man mich in meiner Freizeit auf dem Tennisplatz oder beim Kitesurfing auf dem Wasser.

 

Travel around the clock:

Als deine Weltreise gestartet ist hast du deinen eigenen Reiseblog ins Leben gerufen. Erzähle uns doch mal, wie es zu dieser Entscheidung kam.

 

Jess von Freigereist:

Ich gründete meinen Reiseblog Anfang 2017, um alles – von der Vorbereitung bis zur Reise selbst – zu dokumentieren. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich zunächst nur vor, so viele Erinnerungen wie möglich für mich zu sammeln, da ich in meiner Familie einige Demenz-Fälle hatte und Angst hatte, all die schönen Momente irgendwann selbst zu vergessen. Nach und nach merkte ich aber, dass sich immer mehr Leute für meine Reise interessierten und mich erreichten zunehmend Fragen von Menschen, die selbst gerne losziehen wollten. Es machte mir Spaß, meine Erfahrungen weiterzugeben und zu sehen, dass meine Texte tatsächlich gelesen werden.

Aus "Jesterontour" wird "Freigereist"

Travel around the clock:

Wieso wurde es schließlich ausgerechnet der Name “Freigereist”, den du für deinen Blog gewählt hast? Du hast ja bereits im Vorgespräch erwähnt, dass der Blog ganz zu Beginn noch anders hieß.

 

Jess von Freigereist:

Das stimmt, ich zog damals gemeinsam mit meinem Ex-Freund los, weshalb ich den Reiseblog zunächst unter dem Namen „Jesterontour“ veröffentlichte. Nach der Trennung 2018 benannte ich den Reiseblog dann in „Freigereist“ um. Zugegeben, es hat eine Weile gedauert, etwas Passendes zu finden, denn ich wollte unbedingt einen Namen, der perfekt zu mir passt. Nach etlichen Mindmaps und verworfenen Ideen kam mir dann ganz plötzlich „Freigereist“ in den Sinn, als ich am wenigsten damit rechnete: beim Frühstück in Portugal am Strand. Der Name könnte besser nicht passen: vor meiner Weltreise steckte ich in der wohl schlimmsten Phase meines Lebens. Ich war 22 und hatte einen gut bezahlten Job. Genaugenommen hatte ich alles, was man sich in diesem Alter wünschen kann – und war todunglücklich damit. Ich war schon immer sehr spontan und impulsgesteuert und meine damalige Lebenssituation passte überhaupt nicht dazu. Das mag jetzt vielleicht kitschig klingen, aber durch meine Reise wurde ich ein freier Mensch, nicht nur physisch, sondern auch gedanklich. Ich habe mich also „freigereist“ 😉.

 

Travel around the clock:

Wie siehst du deinen Blog nach mittlerweile vier Jahren. Wie viele Leser besuchen deinen Blog im Monat und verdienst du mit deinem Hobby auch schon erstes Geld?

 

Jess von Freigereist:

Mein Blog ist immer noch mein kleines Baby und ich habe mir mittlerweile eine kleine Community aufbauen können, auf die ich sehr stolz bin und dessen Austausch ich sehr schätze. Außerdem durfte ich einige inspirierende Menschen kennen lernen und habe so auch meinen jetzigen Partner gefunden. Aktuell sind die Leserzahlen durch Corona und dementsprechend mangelndem Interesse an Reisen etwas eingebrochen und natürlich ist mein Reiseblog nur ein kleiner Fisch im riesigen Reiseblogger-Ozean, aber ich darf mich über rund 500 regelmäßige Leser auf meiner Website und 1800 Follower auf Instagram freuen. Den einen oder anderen Euro konnte ich durch Freigereist schon einnehmen, allerdings schalte ich keine Werbung oder ähnliches auf meinem Blog. Ich möchte, dass es authentisch bleibt und nur das vertreten, was ich persönlich für wichtig halte.

"ich kündigte meinen job während einem Sonnenuntergang auf Fraser Island"

Travel around the clock:

Eigentlich war gar keine Weltreise geplant, sondern zunächst nur ein Sabbatical in Australien, richtig? Wie kam es dann dazu, dass aus einem Sabbatical eine Weltreise wurde.

 

Jess von Freigereist:

Ganz genau, eigentlich hat man mich nach 8 Monaten wieder an meinem Schreibtisch erwartet und auch für die kommende Tennissaison war ich eingeplant. Tatsächlich wusste ich aber schon nach wenigen Wochen, dass ich nicht mehr zurückkommen wollte. In Deutschland hatte ich nie darüber nachgedacht, was ich eigentlich tue, aber in Australien hatte ich genug Zeit, um alles zu reflektieren und war erschrocken darüber, wie fahrlässig ich vorher mit mir selbst umgegangen war. Der Gedanke an meinen alten Job verursachte mir Bauchschmerzen und die Pause vom Tennis tat mir ausgesprochen gut. Ich wusste, dass ich nach 8 Monaten noch nicht bereit dazu sein würde, meine frisch gewonnene Freiheit wieder aufzugeben. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: ich saß gerade zum Sonnenuntergang am Strand auf Fraser Island und schaute den Jungs beim Fußball zu, als ich meine Kündigung abschickte. Es war so ein befreiendes Gefühl! Naja, und so wurden aus 8 Monaten Australien letztendlich 2 Jahre um die ganze Welt.

 

Travel around the clock:

Ganz allgemein gefragt: Welche Inhalte erwarten den Leser auf deinem Reiseblog? Gibt es hier bestimmte Schwerpunkte?

 

Jess von Freigereist:

Der Schwerpunkt meines Reiseblogs liegt auf individuellen Low-Budget Reisen, beispielsweise mit dem Backpack oder Roadtrips mit dem Mikrocamper. Ich möchte zeigen, dass man keinen Schatz im Keller braucht, um loszuziehen und das Reisen so viel mehr ist als Hotels und Strände. Ich bin also mit meinen Lesern auf Augenhöhe. Was man außerdem erwarten kann: ganz viel Chaos! Als spontaner Mensch auf Reisen habe ich so einiges erlebt.

Besondere Momente: Australien, bewaffnete piraten und der Machu Picchu

Travel around the clock:

Auf deiner Weltreise hast du insgesamt 16 Länder bereist. Welche Eindrücke sind dir hiervon ganz besonders in Erinnerung geblieben?

 

Jess von Freigereist:

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir natürlich Australien, weil ich dort die meiste Zeit meiner Weltreise verbracht habe und die größte Veränderung durchzog. Das erste Land auf Reisen vergisst man nicht so schnell, aber auch im Rest der Welt gab es immer wieder geniale Erlebnisse. Einmal bin ich 3 Tage als Passagier auf einem Frachtschiff über den Amazonas von Kolumbien nach Peru gereist, das war schon ziemlich cool. Auf dem oberen Deck konnte man seine Hängematte aufhängen: Ich lag einfach nur da und beobachtete das Geschehen am Ufer. Manchmal kamen Piraten vorbei und dann mussten wir uns an Deck verstecken, aber das schwer bewaffnete Personal unseres Frachters hielt sie davon ab, uns anzugreifen. Zeitweise hatte ich mich schon gefragt, was wir da eigentlich über den Amazonas schmuggelten. Das ist nur eine von vielen Geschichten, aber auch die 74 Kilometer lange Trekking-Tour quer durch die Anden zum Machu Picchu, das Tauchen mit einem Hai vor der Küste Mexicos oder meine Erfahrungen beim Kühe melken in Australien möchte ich nicht missen.

 

Travel around the clock:

Gab es auf deinen Reisen auch mal unangenehme Situationen oder lief immer alles nach Plan?

 

Jess von Freigereist:

Einen Plan hatte ich auf meiner Weltreise sowieso nie 😉. Das hat seine Vorteile, da man immer wieder Überraschungen erlebt und Dinge entdeckt, die man gar nicht auf dem Schirm hatte. Aber leider hat man so natürlich immer ein bisschen Risiko im Rucksack. In Australien zum Beispiel wurde in unser Auto eingebrochen, als wir gerade am Wandern waren. Der Dieb freute sich über mein komplettes Equipment, inklusive Laptops und Festplatten mit allen Bildern, die ich bis dahin gemacht hatte. Das war ärgerlich, aber er konnte am nächsten Tag festgenommen werden, weil er glücklicherweise so doof war, wieder am gleichen Parkplatz auf neue Opfer zu warten. Das Equipment hatte er allerdings schon für Drogen verkauft. Oder das Drüsenfieber, dieses Monster, dass ich während meiner kompletten Zeit in Süd- und Mittelamerika in mir trug und mich noch ein dreiviertel Jahr nach meiner Rückkehr zur Verzweiflung brachte. Solche Dinge sind natürlich nicht schön, aber am Ende sind es doch gerade diese Geschichten, die das Reisen so spannend machen.

Für mehr umweltschutz und nachhaltigkeit: raus aus dem beruf, rein ins studium

Travel around the clock:

Wie ging es dann nach der Weltreise weiter? Was machst du heute? Arbeitest du wieder in einem normalen Job?

 

Jess von Freigereist:

Naja, wie ihr ja nun schon wisst, wollte ich meinen früheren Beruf so nicht mehr ausüben. Lange Zeit wusste ich nicht so recht, was ich machen sollte. Aber während meiner Reise sah ich dann so viele Dinge, die mich zutiefst schockierten (Armut, Umweltverschmutzung, Over-Tourism etc..). Ich setzte mir dann zum Ziel, später beruflich dazu beizutragen, dass der Tourismus nachhaltiger wird, und bewarb mich für ein Studium im Tourismusmanagement in Stralsund. Wir waren gerade in der Karibik, als die Zusage kam, und jetzt bin ich bereits im vierten Semester. Ich bin davon überzeugt, dass Reisen wichtig ist, um überhaupt erst ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit und fremde Kulturen zu erlangen. Neben dem Studium habe ich gemeinsam mit meinem Partner ein Unternehmen gegründet, um Auftragsfotografien und Grafik-Design anzubieten. Zurzeit bin ich also in Deutschland, aber die nächsten Reisen stehen schon in der Agenda: Vor mir steht noch ein Auslandssemester und das Second Year Visum in Australien habe ich auch noch offen.

 

Travel around the clock:

Inwiefern hat sich dein Mindset durch das Reisen verändert? Oft hört man ja, dass Menschen komplett verändert nach einer längeren Reise zurückkehren - was natürlich absolut nicht negativ gemeint ist. Würdest du sagen, dass das auch auf dich zutrifft? Wenn ja, wie äußert sich das bei dir?

 

Jess von Freigereist:

Ja, das kann ich definitiv bestätigen. Man wird offener und vor allem verständnisvoller für andere Kulturen und deren Werte. Wie sehr man sich verändert, kommt natürlich auf den Typ an und darauf, wie sehr man sich auf gewisse Situationen und Veränderungen einlässt. Dafür habe ich sogar ein lustiges Beispiel: Nach meiner Rückkehr ging ich mit meiner Mutter in die Stadt, um ein Kleid für eine Hochzeit zu kaufen. In einem Laden trafen wir auf eine wirklich mies gelaunte Verkäuferin und ich begann ohne nachzudenken ein Gespräch mit ihr. Das Anquatschen hatte ich so aus Australien übernommen. Dort fragte mich selbst die Kassiererin beim Bäcker nach meinem Befinden. Erst dachte ich, es sei eine rhetorische Frage, aber die meinten es dort alle ernst. So war es nicht unüblich, dass man plötzlich erfuhr, dass die Großtante des Ehemanns der Bäckerin am Wochenende heiratete, oder ähnliches. Jedenfalls hatten wir in dem Laden am Ende alle Spaß, und die Verkäuferin war plötzlich viel besser gelaunt. Meine Mutter war ganz verblüfft darüber und meinte, dass sie mich so gar nicht kannte.

 

Travel around the clock:

Kurz und knapp: was macht das Reisen für dich zu deiner größten Leidenschaft?

 

Jess von Freigereist:

Die Menschen und die Kultur eines Landes zu verstehen und die Schönheit unserer Welt zu bestaunen – das ist es, was das Reisen für mich ausmacht.

Auf der Bucket Liste ganz oben: kroatien im microcamper und Weihnachten in New York!

Travel around the clock:

Springen wir gedanklich mal in die Zeit nach Corona. Sobald es wieder möglich ist: Wo würdest du nach der Pandemie als erstes hinreisen und warum genau an diesen Ort?

 

Jess von Freigereist:

Uh, das ist eine ziemlich schwere Frage für eine spontane Person 😉. Ich kann sie nur pauschal beantworten, aber es steht noch ein Roadtrip mit dem Microcamper nach Kroatien aus, den wir letzten Sommer nicht machen konnten. Vielleicht wird es der ja.

 

Travel around the clock:

Gibt es ansonsten noch weitere Länder, die auf deiner Bucket Liste ganz oben stehen?

 

Jess von Freigereist:

Am liebsten die ganze Welt! Aber wenn ich mir Länder aussuchen müsste, dann wären es Pakistan, Island, Kanada und die USA. Ich möchte unbedingt einmal zur Weihnachtszeit nach New York. Uhh, und eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn steht auch auf meiner Bucketlist!

 

Travel around the clock:

Eine sehr hypothetische Frage, aber, wo siehst du dich in 10 Jahren? Möchtest du mit deinem Reiseblog auch einmal deinen Unterhalt verdienen oder siehst du das Schreiben eher als reines Hobby rund ums Reisen?

 

Jess von Freigereist:

Es würde mich auf jeden Fall sehr freuen, wenn ich auch in 10 Jahren noch Menschen über meinen Blog erreichen kann. Ob ich nun Geld damit verdienen werde oder nicht, wie mein Studium verlaufen wird und ob ich vielleicht sogar ins Ausland gehe.... Das mag vielleicht etwas hippie-mäßig rüberkommen, aber egal was ich mache, am Ende möchte ich damit einfach nur glücklich und mit meinen Entscheidungen im Reinen sein.

 

Travel around the clock:

Vielen Dank für das tolle und aufschlussreiche Interview, Jess! Wir wünschen dir viel Erfolg im weiteren Verlaufe deines Studiums und hoffen, dass wir uns bald auch mal persönlich wiedersehen.

 

Jess von Freigereist:

Es ist mir eine Ehre. Vielen Dank, dass ihr mir auf eurem Blog die Chance gebt, meine Geschichte zu erzählen. Ihr seid jederzeit herzlich eingeladen, wenn ihr in Stralsund mal ein bisschen Meeresluft schnuppern möchtet! 😊

Wenn du selbst einmal bei Travel around the clock von deinen Erlebnissen auf Reisen erzählen möchtest, dann schreibe uns einfach eine kurze Mail und wir setzen uns mit dir in Verbindung!

 

Hat dir das Interview gefallen? Dann teile es gerne mit deinen Freunden und Bekannten auf Social Media oder gib uns Feedback in der Kommentarzeile!

 

Danke fürs Lesen und bis zum nächsten Interview auf Travel around the clock!

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